POGGENDORF DER TIERQUÄLER

Wieder Ermittlungen gegen Ex-Tierheimchef Poggendorf

Der Vorstand hat Anzeige gegen Wolfgang Poggendorf erstattet. Wurden Hunde in die Slowakei gegeben und für Kämpfe missbraucht?

Hundezwinger


 

Der ehemalige HTV-Vorsitzende Wolfgang Poggendorf hält einem jungen Kampfhund, der in einem Zwinger im Tierheim Süderstraße untergebracht ist, seine Hand hin.
Foto: Dieter Lüttgen/ORIGINAL zu : O:BILDERB_FERTIG

 

 

Hamburg. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt nach Abendblatt-Informationen erneut gegen Wolfgang Poggendorf, ehemaliger Vorsitzender des Hamburger Tierschutzvereins (HTV). Auf Anfrage bestätigte Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers lediglich: "Wir haben aufgrund einer Strafanzeige ein Ermittlungsverfahren (Az.: 7400 Js 477/09) gegen zwei Beschuldigte wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Tierschutzgesetz eingeleitet."

 

 

 

 

 


 

 

 

 


Die Strafanzeige (liegt dem Abendblatt vor) hat der amtierende Vorstand des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) gegen Poggendorf und Matthias Köhler gestellt. Köhler ist der Geschäftsführer der Deutschen Wach- und Schutzhund Service (DWSS) GmbH mit Sitz in Blumberg in Brandenburg. Es geht um 293 Hunde, überwiegend Kampfhunde, die laut HTV-Vorstand von 2002 bis 2007 während der Poggendorf-Ära aus dem Tierheim Süderstraße an den DWSS vermittelt wurden: "Wir haben den schrecklichen Verdacht, dass die Hunde über den DWSS in die Slowakei an einen Tierarzt weitergegeben und dort für Hundekämpfe missbraucht wurden", sagte die HTV-Vorsitzende Gabriele Waniorek-Goerke.

 

 


Fakt ist: Im Jahr 2007 wurden aus dem Tierheim Süderstraße 44 Kampfhunde an den DWSS vermittelt, wie das Abendblatt bereits im Februar 2008 berichtete.

 

 


Nach damaligen Angaben der Gemeinde Ahrensfelde, in der der DWSS seinen Sitz hat, wurden dann 42 dieser Tiere an einen Tierarzt in der Slowakei weitergegeben. Der Veterinär hatte an Eides statt versichert, dass keines dieser Tiere zu Hundekämpfen vermittelt wurde, sondern dass diese an verantwortungsvolle Halter gingen. Doch Gabriele Waniorek-Goerke hat ihre Zweifel: "Dass ausgerechnet ein Tierarzt in der Slowakei zahlreiche dieser Tiere in gute Hände vermittelt haben soll, ist wenig nachvollziehbar. Ein Nachweis darüber steht bisher aus."

 

 


Unklar ist, ob der Tierarzt weitere der aus Hamburg nach Brandenburg vermittelten Hunde übernommen hat. Bei den meisten der insgesamt 293 Hunde handelte es sich um Rassen, die laut Hamburger Hundegesetz als gefährlich gelten. Dazu gehören American Staffordshire Terrier oder Bullterrier.

 

 


Zum Verbleib der Hunde und zu den Vorwürfen des amtierenden HTV-Vorstandes machte DWSS-Geschäftsführer Köhler auf Abendblatt-Anfrage keine Angaben. Auch Wolfgang Poggendorf wollte keine Stellungnahme abgeben.

 

 


Für die Übernahme der Hunde hat der HTV von 2002 bis 2007 offensichtlich viel Geld an den DWSS bezahlt: "Es dürften an den DWSS schätzungsweise rund 150 000 Euro geflossen sein. Uns liegen zahlreiche Schecks vor, die von Herrn Poggendorf unterschrieben wurden und für Herrn Köhler beziehungsweise DWSS bestimmt waren. Zumindest ein Teil des Geldes wurde von der Stadt Hamburg beigesteuert", sagt Waniorek-Goerke.

 

 


Fest steht: Die zuständige Gesundheitsbehörde hat von 2004 bis 2006 in 79 Fällen für die Vermittlung von gefährlichen Hunden nach Brandenburg jeweils 460 Euro an den HTV bezahlt - insgesamt mehr als 36 300 Euro. Im Jahr 2007 wurden laut Behörde 54 weitere Hunde nach Brandenburg vermittelt, dafür erhielt der HTV wegen einer neuen Vereinbarung sogar bis zu 700 Euro pro Tier. Das bestätigte Behördensprecher Rico Schmidt dem Abendblatt: "Wir haben für jede Vermittlung einen schriftlichen Nachweis des HTV erhalten. Daraus geht auch hervor, wer der Empfänger der Tiere in Brandenburg war. Was danach mit den Hunden passiert ist, ist uns nicht bekannt."

 

 


Der HTV-Vorstand setzt nun alle Hoffnung in die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Hamburg: "Wir geben erst Ruhe, wenn das Schicksal der verschwundenen Hunde aufgeklärt ist", sagt Gabriele Waniorek- Goerke.

 

 

Hamburg. Klaus Nahrstedt wirkt ein wenig verlegen. Es fällt nicht leicht, einzugestehen, dass man benutzt worden ist. Ohne es zu merken. Klaus Nahrstedt ist 69 Jahre alt, er ist das, was man einen ehrenwerten Mann nennt. So wie man sich einen Vorsitzenden des Hamburger Tierschutzvereins (HTV) vorstellt. Sechs Jahre war er es, von 1999 bis 2005. Und eigentlich doch nicht: "Ich habe nur einmal im Monat die Vorstandssitzung geleitet", erzählt er. Alles andere hat er gemacht: Wolfgang Poggendorf. Der wird am kommenden Montag um 9.30 Uhr im Saal 388 des Landgerichts Hamburg sitzen. Untreue in mehreren Fällen und Unterschlagung werden ihm in der 72-seitigen Anklageschrift vorgeworfen.

 

 

Es geht um Hunderttausende Euro - Geld, das dem HTV gehört. Dem Verein, in dem es einige Gefolgsleute gab, viele Mitläufer und noch mehr, die gar nicht wissen wollten, was da vor sich geht. Und nur ganz wenige Kritiker, die sich nicht durchsetzen konnten. Das System Poggendorf.

 

 

Wie konnte es dazu kommen?

 

 

Feiner Anzug, teure Uhr - so stellt Poggendorf sich vor

 

 

Rückblende: 1988. Poggendorf, rund 30 Jahre vorher aus Mecklenburg in den Westen gekommen, Inhaber eines Porzellangeschäfts in Eilbek, sucht einen Job. Er hört sich um, er bietet sich an. Immer wieder auch bei Herbert C. Andresen, seinem Nachbarn in Tonndorf. Andresen ist Schatzmeister beim HTV, und der Verein hat sich gerade von seinem Betriebsleiter getrennt - wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Andresen stellt ihn dem Vorstand vor. Poggendorfs erster Auftritt beim HTV - mit feinem Anzug und einer teuren Uhr. "Irgendwie passten für mich Tierschutz und diese protzige Uhr nicht zusammen", erinnert sich Friedrich Engelke, der damals im Vorstand sitzt. Aber ansonsten macht Poggendorf einen "handzahmen und zupackenden Eindruck". Er wird zum 1. November 1988 eingestellt und am 1. April 1989 zum Geschäftsführer des HTV ernannt. Ein Jahr später wird sein Porzellangeschäft aus dem Handelsregister gelöscht.

 

 

Poggendorf, der in seiner Jugend boxte - nach eigener Aussage durchaus erfolgreich -, beweist schnell Organisationstalent: "Aber mit der Zeit wurde sein intrigantes Verhalten immer offensichtlicher", sagt Ex-Vorstand Engelke. So habe Poggendorf immer wieder versucht die Vorstände gegeneinander auszuspielen. "Wenn Poggendorf etwas durchsetzen wollte, hat er die Leute so lange besabbelt, bis er im Vorstand die Mehrheiten hatte. Meist ging es um Personalentscheidungen. Tanzte einer nicht nach seiner Pfeife, wollte er ihn loswerden", sagt Engelke.

 

 

Ein unmoralisches Angebot

 

 

Immer wieder muss der Vorstand sich mit Personalangelegenheiten beschäftigen, weil Poggendorf mal wieder einem Mitarbeiter kündigen will. Bis es den Tierschützern reicht: Am 7. Mai 1991 ist der erste Tagesordnungspunkt "Ausscheiden von Herrn Poggendorf". In dem Protokoll der Sitzung ist zu lesen: "Alle Beteiligten sind sich klar darüber, dass durch das Intrigieren innerhalb des ehrenamtlichen Vorstands durch Herrn Poggendorf dieser in große Schwierigkeiten bei der Führung des Vereins gebracht wurde." Auch seine eigenmächtige Pressearbeit kommt beim Vorstand nicht gut an. Sie glauben, er sieht sich auffallend gerne in der Zeitung. Poggendorf ist nur noch ein paar Tage im Büro - die Zusammenarbeit wird schnell beendet, obwohl sein Vertrag offiziell erst zum Jahresende ausläuft. Er ist jetzt 54 Jahre alt, hat kein Geschäft mehr - keine Perspektive? Doch Poggendorf ist keiner, der sich hängen lässt. Er schafft es, Arbeit zu finden: in der Marketing-Abteilung des HSV. Sein Wirken dort hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen - jedenfalls weiß beim HSV heute niemand mehr, was er dort genau gemacht hat und wie lange er da war. Der damalige Präsident Jürgen Hunke kann sich an "keine Auffälligkeiten" erinnern.

Poggendorf sieht seine Zukunft sowieso beim HTV. Hinter den Kulissen versucht er "Strippen zu ziehen", erinnert sich ein Mitarbeiter. Er will seinen Job zurück. Doch er stößt auf Widerstand bei Susanne Kubiak. Sie ist die Vereinsvorsitzende: "Ich habe ihm erklärt, dass er in diesem Verein nichts mehr zu suchen hat", sagt Kubiak. Doch Poggendorf gibt nicht auf; er bereitet seinen wohl größten Coup vor - im September 1995: "Ich war nur ein Wochenende nicht in Hamburg", berichtet Kubiak. Und erinnert sich weiter: "Da hat Poggendorf die damalige Zweite Vorsitzende und die Schatzmeisterin aufgesucht und es geschafft, dass sie ihm seinen Arbeitsvertrag unterschrieben haben", sagt Kubiak. Den habe er selbst vorbereitet - inklusive seines Gehalts: 7200 DM brutto pro Monat, Weihnachtsgeld und 35 Tage Urlaub. 1995 ein sehr stolzes Gehalt. Kubiak ist entsetzt und entscheidet: "Mit diesem Intriganten wird es für mich keine Zusammenarbeit geben." Poggendorf schlägt Kubiak, obgleich die Juristin bereits am 11. September ihren Rücktritt erklärt, unterdessen einen Deal vor und soll damals laut Kubiak sinngemäß gesagt haben: "Überdenken Sie Ihre Entscheidung noch einmal. Wir könnten ein unschlagbares Team sein. Sie kümmern sich um den Vorsitz und lassen mich ansonsten hier alles erledigen. Wir werden gut zusammenarbeiten, und ich werde Ihre Kanzlei mit Mandaten versorgen."


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